Die Rolle von Regionalität in der Nachhaltigkeitsstrategie
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Als ich das erste Mal mit einem Korb voll Stoffresten über den Wochenmarkt in meiner Nachbarschaft lief, habe ich gemerkt: Regionalität fühlt sich anders an. Es ist nicht nur die Nähe zur Produktion, sondern auch die Beziehung zum Material, zur Person, die es zugeschnitten hat, und zur Stadt, in der alles entsteht. In diesem Blogartikel möchte ich dir erklären, warum Regionalität ein zentrales Element jeder ernstgemeinten Nachhaltigkeitsstrategie sein sollte. Ich schreibe aus der Perspektive eines 20-jährigen Gründers, der seine Brand lokal aufgebaut hat und fest daran glaubt, dass kurze Wege, transparente Wertschöpfung und echte Verantwortung mehr sind als nur Marketing-Vokabeln.
Was bedeutet Regionalität überhaupt?
Regionalität heißt mehr als „in der Nähe produziert“. Es geht um lokale Beschaffung von Rohstoffen, um Fertigung in der Region, um faire Löhne für Menschen vor Ort, die man persönlich kennt. Regional bedeutet für mich: Lieferkette so kurz wie möglich, Entscheidungswege transparent und die Wertschöpfung bleibt innerhalb einer Region.
Die Definition von Regionalität ist weit: Regionalität kann sich auf Stadt-, Kreis- oder Landesebene beziehen. Je nachdem, welche Größenordnung für dein Produkt und deine Kundschaft sinnvoll ist.
Ökologische Vorteile: Kürzere Wege, weniger Emissionen, echte Reduktion
Der wohl direkteste Vorteil regionaler Produktion sind kürzere Transportwege. Weniger Kilometer bedeuten oft weniger CO₂-Emissionen, das ist einfach zu verstehen und lässt sich messen. Doch das ist nur der Anfang.
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Niedrigere Transport-Emissionen: Wenn Rohstoffe und Fertigung in der Nähe sind, sinkt der Anteil an Flug- oder Seefracht, die besonders klimaschädlich ist.
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Weniger Verpackungsaufwand: Lokale Lieferketten erfordern seltener Mehrfachverpackungen für lange Transporte. Das spart Material.
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Bessere Materialwahl: Regional produzierte Materialien lassen sich leichter kontrollieren; du kannst Lieferanten auswählen, die nachhaltige Praktiken pflegen (z. B. Öko-Zertifikate für Textilien).
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Schnellere Kreislaufführung: Rücknahmeprogramme oder Reparaturservices funktionieren regional viel effektiver. Produkte kommen schneller zurück in den Kreislauf, werden lokal repariert oder upgecycelt.
Natürlich ist Regionalität kein Allheilmittel. Es gibt Fälle, in denen ein lokal produziertes Produkt trotzdem höhere Emissionen aufweist (z. B. aufgrund ineffizienter Produktionsprozesse). Aber als Hebel zur CO₂-Reduktion ist die Regionalität ein sehr wirksamer Anfangspunkt, weil sie viele Stellschrauben gleichzeitig bewegt.
Ökonomische Vorteile: Stabile Lieferketten und lokale Wertschöpfung
Regionalität stärkt die lokale Wirtschaft. Wenn du in deiner Region einkaufst und produzieren lässt, bleiben Einkommen in der Region, das sichert Arbeitsplätze und stabilisiert die lokale Wirtschaft.
Folgende Vorteile können herangezogen werden:
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Geringere Abhängigkeit von globalen Lieferketten: Krisen, Containerengpässe oder politische Spannungen beeinflussen lokale Lieferketten weniger stark.
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Schnellere Reaktionszeiten: Produktionserweiterungen, Qualitätskontrollen oder Designänderungen lassen sich schneller umsetzen.
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Preisstabilität durch Kooperation: Langfristige Partnerschaften mit regionalen Zulieferern schaffen Verlässlichkeit bei Materialpreisen und Lieferzeiten.
- Wertschöpfung vor Ort: Deine Marke profitiert davon, weil du nicht nur ein Produkt verkaufst, sondern Teil eines lokalen Ökosystems bist.
Für kleine und mittlere Unternehmen ist Regionalität oft ein Wettbewerbsvorteil: Du kannst Flexibilität, Transparenz und Qualität bieten, was Großproduzenten meist schwerfällt.
Soziale Vorteile: Fairness, Beschäftigung, Community-Aufbau
Regionalität ist soziale Nachhaltigkeit in Reinform. Faire Arbeitsbedingungen, direkte Kommunikation mit Nähern und sichtbare Produktionswege stärken das Vertrauen der Kundschaft.
Diese sozialen Aspekte sind für viele Konsumenten heute entscheidend. Sie kaufen nicht nur ein Produkt, sondern eine Geschichte und eine Haltung.
Herausforderungen & Trade-offs
Regionalität bringt viele Vorteile, aber es gibt auch Hürden, die man ehrlich benennen muss:
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Kosten: Lokale Produktion kann zunächst teurer sein. Höhere Lohnkosten und geringere Skaleneffekte schlagen sich im Preis nieder.
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Materialverfügbarkeit: Nicht alle Rohstoffe sind regional vorhanden. Eventuell musst du Lieferketten mischen oder Alternativen prüfen.
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Skalierbarkeit: Wenn die Nachfrage stark wächst, ist es nicht immer einfach, regionale Kapazitäten schnell zu erweitern.
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Ökologische Fallstricke: Regionalität garantiert nicht automatisch ökologische Überlegenheit, eine ineffiziente lokale Produktion kann schlechter abschneiden als eine optimierte globale Fertigung.
Wichtig ist, diese Trade-offs transparent zu kommunizieren und strategisch zu entscheiden, welche Teile der Wertschöpfung regional bleiben müssen und wo sinnvoll andere Lösungen integriert werden können.
Wie du Regionalität in deine Nachhaltigkeitsstrategie integrierst — ein Fahrplan
Hier eine praktische Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie du Regionalität strategisch und messbar umsetzt.
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Mapping der Lieferkette: Erstelle eine Übersicht aller Zulieferer, Materialien und Produktionsschritte. Markiere, welche Schritte bereits regional sind und wo die größten CO₂-Hotspots liegen.
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Prioritäten setzen: Entscheide, welche Bereiche zuerst regionalisiert werden sollen z. B. Produktion, Verpackung, Logistik oder Beschaffung wichtiger Rohstoffe.
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Partner finden: Suche lokale Werkstätten, Nähereien, Materialhändler oder Upcycler. Langfristige Verträge sorgen für Planungssicherheit.
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Pilotprojekte starten: Teste kleine Lokalisierungsprojekte (z. B. eine Mini-Kollektion „Made in deiner Stadt“). So stellst du Prozesse und Preise in kleinem Rahmen auf die Probe.
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Transparenz schaffen: Dokumentiere Herkunft, Fertigungsort und Arbeitsbedingungen. Nutze Etiketten, Produktseiten oder QR-Codes für tiefergehende Informationen.
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KPIs festlegen: Messe Lieferzeiten, CO₂-Emissionen, Anteil regionaler Materialien am Umsatz, Arbeitsplätze vor Ort und Kundenzufriedenheit.
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Skalierungsstrategie entwickeln: Plane, wie regionale Kapazitäten bei wachsender Nachfrage erweitert werden können, z. B. durch Kooperationen oder Investitionen in lokale Infrastruktur.
KPIs & Metriken: Was du messen solltest
Wenn Regionalität Teil deiner Nachhaltigkeitsstrategie ist, brauchst du messbare Ziele:
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Anteil regional beschaffter Materialien (% des Materialwerts)
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Anteil regional produzierter Endprodukte (% der Stückzahl/Umsatz)
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CO₂-Emissionen pro Produkt (Scope 1–3), speziell Transportanteil
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Anzahl direkt bezahlter Arbeitsplätze in der Region
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Rücklaufquote bei Repair-/Take-Back-Programmen
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Kundenzufriedenheit und Wiederkaufsrate (als Indikator für Markenbindung)
Diese Kennzahlen helfen dir, Fortschritte zu dokumentieren und gegenüber Kunden und Stakeholdern glaubwürdig zu kommunizieren.
Kommunikation: So erzählst du Regionalität glaubwürdig
Regionalität muss mehr sein als ein Slogan. Authentische Kommunikation funktioniert so:
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Zeige die Menschen: Portraits der Näher, kurze Videos aus der Werkstatt, Einblicke in Materiallager.
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Transparente Zahlen: Teile konkrete KPIs (z. B. „70 % unserer Materialien kommen aus einem Umkreis von 100 km“).
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Storytelling: Erzähle, wie ein Produkt entstanden ist, von der Idee bis zur letzten Naht.
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Interaktive Elemente: Führungen, Workshops oder Events stärken die lokale Verbindung.
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Third-Party-Verifizierungen: Lokale Siegel oder Partnerschaften mit regionalen Verbänden erhöhen Glaubwürdigkeit.
Echtes Storytelling braucht Zeit, aber es zahlt sich in Loyalität und Markenwert aus.
Politische Rahmenbedingungen und Förderung
Regionalität profitiert von politischer Unterstützung: Förderprogramme für lokale Produktion, Investitionen in Handwerksbetriebe und Logistik sowie Steueranreize für nachhaltige Fertigung können Hebel sein. Wenn du als Unternehmer aktiv wirst, lohnt es sich, lokale Handwerkskammern, Initiativen für regionale Wertschöpfung und Förderbanken einzubeziehen. Oft gibt es Zuschüsse für Digitalisierung von Werkstätten oder Energieeffizienz-Maßnahmen.
Beispiele & Inspiration
Du musst nicht bei Null anfangen. Viele Projekte zeigen, wie Regionalität funktioniert: lokale Textilkooperativen, Food-Hubs, Repair-Cafés oder Upcycling-Manufakturen. Als Marke kannst du mit solchen Initiativen kooperieren oder eigene Programme starten, etwa Materialsammelaktionen in deiner Stadt oder Repair-Events in Zusammenarbeit mit lokalen Werkstätten.
Fazit: Regionalität ist Hebel, Haltung und Versprechen zugleich
Regionalität ist kein Wundermittel, aber ein kraftvoller Baustein in jeder nachhaltigen Strategie. Sie reduziert Emissionen, stärkt lokale Wirtschaft und schafft Vertrauen. Für Gründerinnen bietet sie Differenzierung und Nähe zur Community; für Konsumenten Transparenz und Sinn. Wenn du Regionalität ernst nimmst, musst du sie messen, leben und ehrlich kommunizieren. Dann wird aus einer regionalen Entscheidung eine langfristige Investition in Qualität, Beziehung und Zukunftsfähigkeit.